BibelauslegungMittel22. Juli 2026

Gemeindezucht — Ausschluss und Rückgewinnung in 1. Korinther 5

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Gemeindezucht — Ausschluss und Rückgewinnung in 1. Korinther 5

Gemeindezucht – der geordnete Ausschluss eines Gemeindeglieds aus der christlichen Gemeinschaft – wird in modernen Gemeinden nur noch selten praktiziert, wenn überhaupt. Dabei finden sich im Neuen Testament durchaus Anweisungen dazu, wie mit Personen umzugehen ist, die theologisch oder moralisch von der kollektiven christlichen Identität abweichen. Der ausführlichste dieser Abschnitte ist 1. Korinther 5.

Da die Briefe des Paulus meistens eine konkrete Situation behandeln,[1] müssen die Lehre und ihre Anwendung auf unsere heutige Zeit vorsichtig und mit Blick auf den Kontext geschehen. Hinzu kommt, dass Paulus seine Anweisung nicht an den Betroffenen richtet, sondern durchgehend an die Gemeinde als Ganzes. Dieses kollektive Denken ist unserer westlichen Kultur weitgehend fremd, prägt jedoch die gesamte Argumentation des Kapitels.

Die Situation

Zunächst soll es um die konkrete Situation gehen, in die hinein Paulus diesen Abschnitt schreibt.

Überhaupt hört man, dass Hurerei unter euch sei, und zwar eine solche Hurerei, die nicht einmal unter den Nationen vorkommt: dass einer seines Vaters Frau hat. 2 Und ihr seid aufgebläht und habt nicht vielmehr Leid getragen, damit der, der diese Tat begangen hat, aus eurer Mitte weggetan würde.

1. Kor 5,1–2.(ELB CSV)

Paulus bezieht sich hier auf einen Bericht, der ihm über einen Fall von Hurerei zu Ohren gekommen war. „Das Wort porneia (sexuelle Unmoral) ist ein breiter Begriff, der sexuelle Sünde bezeichnet, und der Kontext präzisiert die Natur der betreffenden sexuellen Sünde."[2]

Generell geht man davon aus, dass es hier nicht um die Beziehung eines Sohnes zu seiner biologischen Mutter geht, sondern darum, dass ein Sohn eine fortdauernde Beziehung[3] zur zweiten Frau seines Vaters unterhielt. Darauf deutet, dass „Paulus die Frau nicht als ‚Mutter' des Mannes bezeichnet und da der von ihm verwendete Ausdruck γυναῖκι τοῦ πατρός in Lev 18,8 (LXX) in der Bedeutung ‚Stiefmutter' vorkommt".[4] Ob der Vater noch am Leben und von dieser Frau getrennt war oder ob sie bereits Witwe war, lässt sich nur vermuten.

Eine solche Verbindung wurde nicht nur vom jüdischen Gesetz verurteilt (z. B. 3. Mose 20,11), sondern war auch in der römischen Gesellschaft verpönt – wenn auch nicht unbekannt. So drückte Cicero im ersten Jahrhundert v. Chr. „extremen Ekel aus, wenn ‚die Schwiegermutter den Schwiegersohn heiratet. … Oh, man bedenke die Sünde dieser Frau, unglaublich, unerhört. … Man bedenke, dass sie nicht zurückgewichen ist!'"[5] Da römische Väter bei einer Wiederheirat oft deutlich jüngere Frauen heirateten, kann der Altersunterschied zwischen dem Betroffenen und seiner Stiefmutter geringer gewesen sein, als man zunächst annehmen würde.[6]

Paulus schreibt hier also in die Situation eines gravierenden Normenbruchs innerhalb der christlichen Gemeinschaft hinein – eines Bruchs, der ihrer Identität als von Christus Erlöste grundlegend widersprach.

Gründe für Gemeindezucht

Doch aus welchen Gründen sollte ein solcher Normenbruch überhaupt den Ausschluss aus der Gemeinde nach sich ziehen?

Die Gemeinde als Kollektiv

Dass Paulus in diesem Kapitel durchgehend das Kollektiv anspricht, lässt sich am Text selbst aufzeigen. Rosner merkt dazu an: „Ein auffälliges Merkmal der Anweisungen in 1. Korinther 5 ist, dass sie nicht an den Sünder selbst gerichtet sind, sondern ausschließlich an die Gläubigen in Korinth als Gruppe. Paulus spricht die Gemeinde durchgehend als einen Leib an."[7] Weitere Merkmale im Text, welche Rosner zur Unterstreichung dieses Punktes nennt, sind:[8]

  • Das Personalpronomen der 2. Person Plural steht neunmal in 13 Versen
  • Der Ausschluss soll in der versammelten Gemeinde stattfinden (5,4)
  • Die Ermahnung ergeht an alle, nicht an den Einzelnen (5,2.6)
  • Das Bild des Sauerteigs wird auf das Kollektiv angewendet: Die Korinther sollen gemeinsam ein neuer Teig sein (5,7)
  • Auch das Opfer des Passahlamms gilt dem Kollektiv (5,7)

Dass Paulus die Gemeinde als Ganzes anspricht, hat dabei zur Folge, dass er sie auch als Ganzes in die Verantwortung nimmt. Deutlich wird dies in Vers 2:

2 Und ihr seid aufgebläht und habt nicht vielmehr Leid getragen (ἐπενθήσατε), damit der, der diese Tat begangen hat, aus eurer Mitte weggetan würde.

1. Kor 5,2.(ELB CSV)

Thiselton merkt dazu an, dass ἐπενθήσατε „wahrscheinlich die Nuance eines vergangenen (ingressiven) Aktes des Eintretens in einen Zustand der Trauer [trägt]. Denn obwohl das bloße ‚Traurigsein' auf den ersten Blick angemessener erscheint, um seelischen Schmerz auszudrücken, würde ein formeller Zustand der Trauer das Leben und den Gottesdienst der Gemeinde objektiv und öffentlich auf eine Weise prägen, die es dem Fehlbaren unerträglich machen würde zu bleiben, und ihn dann aller Wahrscheinlichkeit nach dazu bewogen hätte, aus freien Stücken zu gehen (oder seinen Lebensstil zu ändern)."[9]

Hilfreich ist hier eine Untersuchung des Wortes πενθέω in der Septuaginta (LXX), wo es sechsmal im Kontext von Sünde vorkommt (Neh 1,4; 8,9; Esra 10,6; Dan 10,2; 1 Esdras 8,72; 9,2). Fünf von sechs Mal geht es dabei um Buße oder Trauer über die Sünden anderer und nur einmal um Trauer über eine persönliche Sünde – und auch dort in einem größeren kollektiven Kontext (Neh 8,9).[10] Dementsprechend kann etwa die Trauer Esras über die Untreue der Weggeführten als Beispiel dafür gelten, was Paulus von den Korinthern erwartete:

Und Esra stand auf vor dem Haus Gottes und ging in die Zelle Jochanans, des Sohnes Eljaschibs; und er ging dorthin, er aß kein Brot und trank kein Wasser, denn er trauerte über die Treulosigkeit der Weggeführten.

Esra 10,6.(ELB CSV)

Esra trauert hier also über eine Treulosigkeit, welche er selbst nicht begangen hatte. Genau diese Haltung erwartete Paulus bei den Korinthern, welche angesichts der Sünde in ihrer Mitte nicht „Leid trugen", sondern aufgebläht waren.

Von daher wird verständlich, warum Paulus den Ausschluss für unumgänglich hielt. Rosner zieht daraus den Schluss: „Offensichtlich hielt Paulus den Ausschluss des Sünders für unerlässlich, um das gesegnete Bestehen der Gemeinde vor Gott zu schützen."[11]

Was für Rosner der Zweck der Maßnahme ist, formuliert Fitzmyer als Verpflichtung der Gemeinde: „Die christliche Gemeinde ist verpflichtet, ihre Heiligkeit zu bewahren, indem sie den Übeltäter aus ihrer Mitte ausschließt, was ‚der Hauptpunkt des Abschnitts' ist."[12]

Die Stellung der Gemeinde

Paulus nutzt dabei eine ganz spezifische Konzeption der kollektiven Identität der Gemeinde, um die Praxis des Ausschlusses zu begründen.

Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? 7 Fegt den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seiet, wie ihr ungesäuert seid. Denn auch unser Passah, Christus, ist geschlachtet worden. 8 Darum lasst uns Festfeier halten, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit.

1. Kor 5,6a–8.(ELB CSV)

Ausgehend von einem allgemein geteilten Prinzip („Wisst ihr nicht") benutzt Paulus das Bild des Sauerteigs und seiner Wirkung, um die Gemeinde zu ermahnen, ihre Heiligkeit zu bewahren.

Zur Zeit des Briefes verstand man unter ζύμη (zymē, Sauerteig) ein Stück alten, fermentierten Teigs, das als Triebmittel von Woche zu Woche in den neuen Teig weitergetragen wurde. Da sich mit der Zeit jedoch leicht Schmutz und Krankheitserreger ansammeln konnten, brachte diese Praxis ein erhebliches hygienisches Risiko mit sich. Um dem entgegenzuwirken, vernichteten die Juden vor dem jährlichen Passahfest sämtlichen alten Sauerteig restlos, um mit ungesäuertem Teig einen sauberen Neuanfang zu machen.[13] Hierzu gab es auch eine biblische Anweisung (2. Mose 12,14–20; 13,6–7).[14] Diese Reinigung wurde – nicht zuletzt im Anschluss an Zeph 1,12 – auch als Bild für moralische Reinigung verstanden.

Paulus geht es hier also um den Sauerteig als „Symbol für dynamische Vitalität und als Quelle unaufhaltsamer Wirkungen […], die in keinem Verhältnis zu seiner Größe stehen".[15] Tragisch wird dies besonders dann, wenn diese Wirkung in Form von Verunreinigung geschieht.

Die Sorge ist hier: So wie Sauerteig einen ganzen Teig durchdringen kann, so kann auch die Sünde eines Einzelnen die ganze Gemeinde verunreinigen. Eine solche Verunreinigung entspricht jedoch nicht der Stellung, in die die Gemeinde durch den Tod Christi versetzt worden ist. Denn der Tod Christi, bildlich veranschaulicht im Passahlamm, hat die Gemeinde so gereinigt und geheiligt, dass sie schon jetzt ungesäuert ist. Vers 7 macht dabei die mögliche Diskrepanz zwischen der Stellung und der Praxis der Gemeinde deutlich. Morris beschreibt dies als eine „Werde, was du bist"-Situation.[16] Diese Unterscheidung und Spannung zwischen dem, was die Gemeinde in Christus ist (Indikativ), und dem, was sie in ihrer Praxis werden soll (Imperativ),[17] zieht sich durch alle Schreiben des Paulus. Auf Basis dieser theologischen Wahrheit sollen die Korinther nun handeln, indem sie die Gemeinde vom Bösen reinigen. Dies schließt den Betroffenen sicherlich ein, geht jedoch auch darüber hinaus.

Der Ausschluss eines unbußfertigen Sünders dient also auch dazu, dass die Gemeinde den heiligen Charakter bewahrt, den ihr der Opfertod Christi verliehen hat. Wird diese Ermahnung nicht umgesetzt, verunreinigt diese Person die Gemeinde durch ihren Einfluss.

Der Betroffene

Auch wenn der größere Fokus des Textes, wie wir oben gesehen haben, auf der Gemeinde als Kollektiv liegt, behandelt er ebenso die Wirkung, die beim Einzelnen erreicht werden soll.

3 Denn ich, zwar dem Leib nach abwesend, aber im Geist anwesend, habe schon als anwesend geurteilt, den, der dieses so verübt hat, 4 im Namen unseres Herrn Jesus ˹Christus˺ (wenn ihr und mein Geist mit der Kraft unseres Herrn Jesus versammelt seid) 5 einen solchen dem Satan zu überliefern zum Verderben des Fleisches, damit der Geist errettet werde am Tag des Herrn ˹Jesus˺.

1. Kor 5,3–5(ELB CSV)

Die Verse 4 und 5 beschreiben den Vorgang, der durchgeführt werden soll, und damit die Exkommunikation aus der christlichen Gemeinschaft. Der Zweck ist dabei die geistliche Errettung der Person, was durch den Zusatz „am Tag des Herrn" deutlich gemacht wird. Damit wird auch klar: Wenn diese Maßnahme unterbleibt, gereicht das der Person, die in Sünde lebt, letztlich zum Schaden – denn die Maßnahme ist zu ihrem Besten gedacht.

Der Ausdruck „dem Satan überliefern" beschreibt den Vorgang, den Einzelnen von den Privilegien der christlichen Gemeinschaft auszuschließen und ihn so dem Bereich der Herrschaft Satans außerhalb der Gemeinde zu überlassen (Kol 1,13; 1. Joh 5,19). Er taucht sonst nur noch in 1. Tim 1,20 auf:

unter denen Hymenäus ist und Alexander, die ich dem Satan überliefert habe, damit sie durch Zucht unterwiesen würden, nicht zu lästern.

1. Tim 1,20.(ELB CSV)

Der Text scheint darauf hinzuweisen, dass „dem Satan überliefern" in paulinisch geprägten Gemeinden eine bekannte Maßnahme war, die darin bestand, Personen aus der Gemeinde – dem Bereich der Herrschaft Christi – auszuschließen. Wie an der Stelle im Korintherbrief ist der Zweck auch bei Hymenäus und Alexander die Rückgewinnung der jeweiligen Personen.

„‚Satan' (1. Tim 5,15) bezieht sich auf den übernatürlichen Gegenspieler Gottes und der Gemeinde (1. Thess 2,18; Mk 4,15), der hier so gesehen wird, dass er Gottes Absichten dient, indem er die Züchtigung von Sündern beaufsichtigt (Hiob 2,6)."[18]

Die Frage, wie das „Verderben des Fleisches" zu verstehen ist, wird viel diskutiert. Die Auslegung hängt dabei davon ab, ob „Fleisch" als die sündige Natur des Menschen oder als der Körper verstanden wird. Der Hinweis darauf, dass die Rückgewinnung des Sünders das Ziel ist, scheint den Tod als Strafe auszuschließen. Thiselton argumentiert, dass „was zerstört werden soll, wohl nicht in erster Linie der physische Leib des Täters [ist] (obwohl dies sekundär mit eingeschlossen sein mag oder auch nicht), sondern die ‚fleischliche' Haltung der Selbstgenügsamkeit, die Paulus in erster Linie der Gemeinde, aber sicherlich auch dem Mann vorwirft". Diese Frage ausführlicher zu behandeln, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Entscheidend ist hier zunächst, dass Satan als Instrument Gottes dient, um den Sünder durch einen Prozess der Bedrängnis zur Umkehr zu bewegen.[19]

Kriterien für Gemeindezucht

Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Schmäher oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit einem solchen nicht einmal zu essen.

1. Kor 5,11.(ELB CSV)

Über der konkreten Situation, die Paulus zum Anlass nimmt, über Gemeindezucht zu schreiben, wird oft vergessen, dass der Apostel auch weitere Gründe nennt, die eine kollektive Distanzierung der Gemeinde von einer Person nach sich ziehen sollten.

Dabei sind einige Dinge zu beachten, damit eine so drastische Maßnahme nicht in falschen Kontexten angewendet wird. Dass Paulus nicht von Taten (z. B. Götzendienst), sondern von Personen (z. B. Götzendiener) schreibt, scheint anzudeuten, dass diese Individuen ganz von der jeweiligen Tat gekennzeichnet sind[20] – vergleichbar mit dem Mann, um den es in den ersten Versen des 5. Kapitels geht. Es geht also um kontinuierliches, unbußfertiges Sündigen. Des Weiteren geht es um Handlungen, nicht um Motive – auch wenn Letztere den Handlungen natürlich vorausgehen.[21] Morris schreibt: „Vom Geist geht Paulus zur Tat über."[22] Was Paulus dabei ganz besonders betont, ist, dass es hier um Personen geht, die sich Bruder nennen lassen (ὀνομαζόμενος) – mit dem Gedanken, dass diese Personen sich auch selbst so sehen und das akzeptieren.[23] So schreibt er in Vers 9–10:

9 Ich habe euch in dem Brief geschrieben, nicht mit Hurern Umgang zu haben; 10 nicht durchaus mit den Hurern dieser Welt oder den Habsüchtigen und Räubern oder Götzendienern, sonst müsstet ihr ja aus der Welt hinausgehen.

1. Kor 5,9–10.(ELB CSV)

Fitzmyer schreibt: „Obwohl Paulus anerkennt, dass die korinthischen Christen diese Welt mit solchen Menschen teilen, plädiert er kaum dafür, dass Christen in einem Ghetto leben oder sich in einen Rückzugsort in der Wüste zurückziehen […]".[24]

Dass die Aufzählung der bösen Taten in Vers 10 und Vers 11 variiert – in Vers 10 etwa fehlen einige –, zeigt, dass es sich hier nicht um eine vollständige Liste, sondern vielmehr um Beispiele handelt. Der ethische Katalog, den Paulus hier formuliert, weist einige Parallelen zu dem auf, den wir in 1. Korinther 6,9–10 wiederfinden, auch wenn Letzterer ausführlicher ist. Der Fokus liegt also stärker darauf, dass das Verhalten dem Bekenntnis dieser Personen zu Christus widerspricht und sie der Gemeinde damit mehr schaden als ungläubige Sünder. So schrieb Origenes: „Unmoralische Ungläubige können der Kirche keinen Schaden zufügen, aber unmoralische Gläubige verderben sie von innen heraus, weshalb sie gemieden und ausgeschlossen werden müssen."[25]

Rosner leitet die genannten Sünden her aus den Regeln aus Deuteronomium, wann eine Person aus der Gemeinschaft ausgetilgt werden soll.[26] Gleichzeitig gibt es jedoch auch interessante Parallelen der genannten Sünden zum spezifischen Kontext von Korinth.[27] Im Folgenden möchte ich eine kurze Erklärung der genannten Sünden geben:

Hurer (πόρνος): Das Wort πορνεία ist ein Oberbegriff, der verschiedene sexuelle Sünden beinhaltet, und bezieht sich ganz allgemein auf eine unrechtmäßige sexuelle Beziehung.[28]

Habsüchtige (πλεονέκτης): Habsüchtige sind Personen, die immer mehr haben wollen, als sie schon besitzen.[29] Habsucht war dabei ein Merkmal der korinthischen Kultur, in der sich vieles um den Aufstieg zu mehr gesellschaftlichem Status, Macht oder Wohlstand drehte.

Räuber (ἅρπαξ): Dies meint Personen, die durch Betrug an das Geld anderer zu kommen versuchen und sich so „schnellen und unverhältnismäßigen"[30] Reichtum aufbauen.

Götzendiener (εἰδωλολάτρης): Die späteren Ausführungen im Brief (8,1 bis 11,1) behandeln die Gefahr für die Christen in Korinth, falsche Kompromisse mit dem sie umgebenden Götzendienst einzugehen.[31] „Der neutestamentliche Sprachgebrauch beschränkt den Begriff nicht auf die Anbetung von Bildern, sondern weitet ihn auf die Hingabe der Seele an jedes Objekt aus, das den Platz Gottes einnimmt."[32] Im vorliegenden Kontext bezieht sich der Begriff jedoch wahrscheinlich primär auf die tatsächliche Verehrung heidnischer Götter und nicht auf ein solch erweitertes Begriffsverständnis.

Schmäher (λοίδορος): Dies bezeichnet Personen, deren Kommunikationsstil gewohnheitsmäßig darauf ausgerichtet ist, andere Menschen herabzuwürdigen und sich selbst dadurch indirekt zu profilieren.[33]

Trunkenbold (μέθυσος): Trunkenheit wird öfters in der Schrift verurteilt (Gal 5,21; 1. Kor 6,10) und ist besonders gravierend aufgrund der Konsequenzen, die sie haben kann, wie z. B. Gewalt und Unbedachtheit. Damit steht der übermäßige Alkoholkonsum fundamental im Gegensatz zu den christlichen Tugenden.

Anwendung von Gemeindezucht

Dieses Thema mag für manche weit weg von der Alltagsrealität liegen, da Gemeindezucht etwas ist, was heute wenig praktiziert wird. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Orr nennt beispielsweise, dass solche Maßnahmen als lieblos und zugleich als ineffektiv wahrgenommen werden.[34] Auch schlechte Erfahrungen durch den Missbrauch dieses Gebots können dazu beitragen, aus Vorsicht ganz auf die Maßnahme zu verzichten. Im Folgenden soll skizziert werden, was Paulus unter seinem Gebot verstand und wie es sich heute praktisch fassen lässt.

Was „keinen Umgang" bedeutet

Viel von der Strenge der Auslegung hängt davon ab, wie man Vers 11 versteht. Hier schreibt Paulus Folgendes:

11 Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Schmäher oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit einem solchen nicht einmal zu essen.

1. Kor 5,11(ELB CSV)

Die Elberfelder übersetzt μηδὲ συνεσθίειν mit „nicht einmal zu essen". Schwiebert argumentiert jedoch auf Basis der Satzkonstruktion und der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, dass diese Übersetzung nicht korrekt ist. So fasst er zusammen: „Die Grammatikexperten sind sich also einig (abgesehen von der Einordnung von 1. Kor 5,11 im BAGD-Wörterbuch), dass ‚und nicht, auch nicht' die normale Bedeutung von μηδέ ist, es sei denn, eine stärkere Bedeutung wird durch bestimmte Konstruktionen verlangt, die in 1. Kor 5,11 nicht vorhanden sind. Mit anderen Worten: ‚nicht einmal' ist in grammatikalischer Hinsicht eine Überübersetzung der Passage und sollte vermieden werden, es sei denn, es ergäbe schlichtweg keinen Sinn, den Begriff mit ‚und nicht, auch nicht' wiederzugeben."[35]

Praktisch gesehen stellt Paulus, wenn dieses Argument zutrifft, das Gebot, keinen Umgang zu haben, mit dem Gebot gleich, mit dieser Person nicht zu essen. Schwiebert erklärt diese Gleichstellung über den kulturellen Kontext der damaligen Zeit, in dem – „wie in vielen heutigen nicht-westlichen Kulturen – das gemeinsame Essen mit jemandem eine Form der gesellschaftlichen Anerkennung war. Für solche Kulturen symbolisiert der Akt des ‚gemeinsamen Essens' (συνεσθίειν / synesthíein) nicht nur eine gemeinsame Sache, Verwandtschaft, Akzeptanz u. a., sondern verkörpert oder vollzieht diese vielmehr. Sich zu weigern, mit einer bestimmten Person zu essen, würde das Gegenteil verkörpern: Zurückweisung oder Ausschluss."[36] Der Ausschluss von der Tischgemeinschaft ist damit laut Schwiebert ein essentieller Teil dessen, was es bedeutet, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein.

Doch was bedeutet das dann konkret? Morris erkennt an: „Die detaillierte Anwendung dieser Anweisung ist nicht einfach."[37] Dass der Text offenlässt, wie der Kontakt zu einer solchen Person im Einzelnen aussehen soll, macht es schwieriger, genaue Anweisungen für heute herauszuarbeiten. Thiseltons Kommentar ist hierbei hilfreich: „Paulus fordert eine differenzierte Unterscheidung hinsichtlich von Abgrenzungen, eine gemeinschaftliche Identität und die Anerkennung der christlichen Gemeinde als kollektives Zeugnis für offenkundige Überzeugungen, Werte und Lebensweisen. Die Adressaten sollen ihre Urteilskraft dafür einsetzen, wie sich dies in der Praxis gestaltet, damit niemand verwirrt ist und sich ein Mann wie der unmoralische Fehlbare völlig darüber im Klaren ist, wo er im Verhältnis zur Gemeinschaft steht."[38]

Im Einzelnen muss daher vom Kontext her geprüft werden, ab welchem Punkt der Kontakt zu einer solchen Person jene bestätigende Gemeinschaft herstellt, welche die Grenze zwischen der Gemeinde und dem Sünder verwischt – und diese Grenze somit überschreitet.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gemeindezucht die von Paulus gebotene Reaktion der Gemeinde auf einen beständigen und unbußfertigen Bruch jener Normen ist, welche sich aus der christlichen Identität ergeben. Auffällig ist dabei, dass Paulus sich nicht primär an den Betroffenen richtet, sondern durchgehend an die Gemeinde als Ganzes. Sie ist es, welche Leid tragen, urteilen und den Sünder aus ihrer Mitte tun soll. Der Zweck ist es, die Heiligkeit der Gemeinschaft und ihr Zeugnis zu bewahren, und praktisch äußert sich diese Reaktion im Abbruch eines bestätigenden sozialen Kontaktes – bis hin zur Tischgemeinschaft. Bei allem Ernst bleibt jedoch festzuhalten, dass diese Maßnahme nicht auf Strafe zielt. Sowohl für die Gemeinde als auch für den Betroffenen ist ihr eigentliches Ziel die Rückgewinnung.

Fußnoten

  1. [1]Adela Yarbro Collins, „The Function of ‚Excommunication' in Paul", Harvard Theological Review 73, Nr. 1–2 (1980): 251, https://doi.org/10.1017/S0017816000002145.
  2. [2]Thomas R. Schreiner, 1 Corinthians: An Introduction and Commentary, hg. von Eckhard J. Schnabel, Bd. 7, Tyndale New Testament Commentaries (London: Inter-Varsity Press, 2018), 108.
  3. [3]Dies könnte in Form einer Ehe stattgefunden haben; jedenfalls deutet der Infinitiv Präsens des Verbs ἔχειν auf eine kontinuierliche Beziehung hin.
  4. [4]Will Deming, „The Unity of 1 Corinthians 5–6", Journal of Biblical Literature 115, Nr. 2 (1996): 289–312, hier 294, https://doi.org/10.2307/3266857.
  5. [5]Anthony C. Thiselton, The First Epistle to the Corinthians: A Commentary on the Greek Text, New International Greek Testament Commentary (Grand Rapids, MI: W. B. Eerdmans, 2000), 385.
  6. [6]Craig S. Keener, The IVP Bible Background Commentary: New Testament, 2. Aufl. (Downers Grove, IL: IVP Academic, 2014), 469.
  7. [7]Brian S. Rosner, Paul's Scripture and Ethics: A Study of 1 Corinthians 5–7 (Leiden: Brill, 1994), 70.
  8. [8]Ebd., 70–71.
  9. [9]Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 388.
  10. [10]Rosner, Paul's Scripture and Ethics, 72.
  11. [11]Rosner, Paul's Scripture and Ethics, 73.
  12. [12]Joseph A. Fitzmyer, First Corinthians: A New Translation with Introduction and Commentary, Bd. 32, Anchor Yale Bible (New Haven; London: Yale University Press, 2008), 245.
  13. [13]Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 401–402; Fitzmyer, First Corinthians, 240–241.
  14. [14]Schreiner, 1 Corinthians, 112.
  15. [15]Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 401.
  16. [16]Leon Morris, 1 Corinthians: An Introduction and Commentary, Bd. 7, Tyndale New Testament Commentaries (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1985), 90.
  17. [17]Schreiner, 1 Corinthians, 113.
  18. [18]Philip H. Towner, The Letters to Timothy and Titus, The New International Commentary on the New Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans, 2006), 161.
  19. [19]Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 396.
  20. [20]Schreiner, 1 Corinthians, 115.
  21. [21]Ebd.
  22. [22]Morris, 1 Corinthians, 92.
  23. [23]Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 413.
  24. [24]Fitzmyer, First Corinthians, 243.
  25. [25]Gerald Lewis Bray, Hrsg., 1–2 Corinthians, Ancient Christian Commentary on Scripture (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1999), 48.
  26. [26]Rosner, Paul's Scripture and Ethics, 69.
  27. [27]Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 411.
  28. [28]Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 385.
  29. [29]A. T. Robertson, Word Pictures in the New Testament (Nashville, TN: Broadman Press, 1933), zu 1. Kor 5,10.
  30. [30]Im Original: „gain speedy and disproportionate wealth at the expense of others"; Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 411.
  31. [31]Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 412.
  32. [32]Marvin Richardson Vincent, Word Studies in the New Testament, Bd. 3 (New York: Charles Scribner's Sons, 1887), 212.
  33. [33]Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 414.
  34. [34]Peter Orr, „1 Corinthians 5: Why It Is Necessary and Loving Not to Associate or Eat with Certain ‚Christians'", The Gospel Coalition: Australia, 1. Oktober 2018, https://au.thegospelcoalition.org/article/1-corinthians-5-necessary-loving-not-associate-eat-certain-christians/.
  35. [35]Jonathan Schwiebert, „Table Fellowship and the Translation of 1 Corinthians 5:11", Journal of Biblical Literature 127, Nr. 1 (2008): 162.
  36. [36]Ebd., 162–163.
  37. [37]Morris, 1 Corinthians, 92.
  38. [38]Thiselton, The First Epistle to the Corinthians, 409.

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